Im Trend: Family Ghosting
- Katrin Reichelt

- vor 2 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 20 Stunden

Vor noch gar nicht langer Zeit war es Konsens, dass es für Eltern nichts Grausameres gibt, als ein Kind zu verlieren.
Aus dem denkbar schlimmsten ist ein neuer Trend geworden, der in den USA bereits 25 % der Bevölkerung erfasst hat. In den sozialen Medien und auf den Bestsellerlisten nimmt er gerade Fahrt auf: FAMILY GHOSTING. Statt sich an einen Tisch zu setzen, stellen immer mehr Familien fest: Es gibt keinen Tisch.
Was stirbt, ist nicht der Körper. Was stirbt, ist die Beziehung eines Kindes zu einem Elternteil (oder beiden). Oder umgekehrt. Der Kontakt zerbricht, ein schleichender oder auch abrupter Tod, manchmal über Jahre, und oft für immer. Unendlich schmerzlich für die Eltern. Für Kinder der einzig sichtbare Weg, wie sie sich zur Wehr setzen können gegen die gemeinsamen Geister der Vergangenheit. Ein Albtraum, dessen gefühlsmäßige Amplituden kein noch so kluger Gedanke beruhigen kann.
„Ein Tabu-Thema“, sagt Soziologe, Gerontologe und Bestseller-Autor Karl Phillemer in seinem Ratgeber FAULT LINES. „Denn wenn Eltern sagen: ‚Mein Kind redet nicht mehr mit mir…‘, dann ist die – gefürchtete – Antwort darauf meist: „Was hast du getan?!?“ Die Folge: tiefe Scham. Fakt ist: Die allermeisten Eltern, 80%, wissen nicht, womit sie das familiäre Gebäude zum Einsturz gebracht haben.
Die Pandemie des Schweigens
Der Hass oder auch die Gleichgültigkeit entzünden sich an Themen wie der Wahl politischer Parteien, religiösem Glauben, an „geimpft oder nicht“. Und ja: auch daran, ob jemand Gluten isst oder nicht, Veganerin ist oder Fleisch bevorzugt. Familien zerbrechen an dem Brot, das sie brechen. An Tattoos oder Ausgehzeiten. An zuviel oder zu wenig Aufmerksamkeit. Der Bruch entsteht durch die unausgesprochenen „Elefanten im Raum, die auf dem Schoß der Kinder sitzen“, wie Psychotherapeut Matthias J. Barker es formuliert. Allein das Bild zeigt, wie Kinder davon erdrückt werden. Und auch ihre Eltern. Elefanten, die so groß sein können wie Scheidung, Drogenabhängigkeit oder Missbrauch im schlimmsten Fall. Oder auch so profan wie die Gummibärchen für die Enkelkinder, wo doch Zucker verboten ist.

Was es nicht zeigt, ist, dass beide, Eltern und Kinder, als komplette Laien ins Rennen starten.
Ohne die geringste Ahnung, was es heißt, Familie zu werden, zu sein und zu bleiben. Ihre Biologie weist von Tag 1 an in gegensätzliche Richtungen: die der Eltern in das, was sie für Schutz, Geborgenheit, Fürsorge und Verantwortung halten.
„Ein Kind großzuziehen“, sagt Dr. Jordan Peterson, einstmals kanadischer Psychologie-Professor und weltberühmter Influencer, was familiäre Werte angeht, „ist im spirituellen Sinne die Kreuzigung der Mutter, die all ihre Liebe geben muss – um das Kind dann anschließend unter die Wölfe zu senden.“ Der Weg von A nach B ist mit Landminen gepflastert.
Väter sind viermal so häufig vom Kontaktabbruch betroffen, weil sie über das, was zwangsläufig höllisch schmerzt, nicht reden wollen. Dass sie bei der Prüfung zum Eltern-Führerschein wohlmöglich durchgefallen sind, erfahren sie oft erst Jahrzehnte später.
Du bist mein…
Wenn sie einander zum ersten Mal begegnen, sieht sich jeder durch die Augen des anderen: Eltern und Kinder sind sich über Jahre gegenseitig Spiegel. Sie sehen einander nicht nur, aber auch, als die Ausdehnung ihrer selbst, um zunächst die Versorgungslage zu sichern. Der potenzielle Keim zum Narzissmus, zum "alle Augen auf mich“, ist somit gelegt.
Eltern projizieren ihre Hoffnungen und Erwartungen oft unbewusst auf die Kinder – unter anderem die größte Illusion, dass ihr emotionales „Investment“ wieder zu ihnen zurückkehren werde. Doch tatsächlich ist es so, dass es im allerbesten Fall von ihren Kindern an die nächste Generation der Enkel weitergegeben wird. Umgekehrt
erleben (auch erwachsene) Kinder ihre Eltern nicht nur als Quelle von Liebe und Orientierung, sondern auch als eine Art „Erfüllungsgehilfen“ ihrer Bedürfnisse. Ab Tag 1 werden Kinder darauf programmiert, sonst könnten sie nicht überleben. Ein Dachdecker deckt das Dach, ein Bäcker backt, Eltern sind „von Beruf da“. Alles, was Eltern sonst noch ausmacht, ist (und bleibt) sekundär. Keiner will den Vertrag kündigen, aus Angst vor der möglichen Leere dahinter.
Der Weg der Kinder geht, ganz im Gegensatz zu dem ihrer Eltern, hin zum Horizont dessen, was sie für Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Erfüllung halten. Zur Abgrenzung, zur Loslösung von der biologischen Verknüpfung… auch das ein lebensnotwendiger Mechanismus, will man nicht in der Vollneurose enden. Während die Jahre verstreichen, gerät das Band unter immer stärkere Spannung. Bis es reißt.
Dieser im Idealfall ein paradoxe Moment von Liebe (damit das, was war, Wert hat), Abwehr (damit beide loslassen können) und Vergebung (damit die unausweichlich gesammelten Wunden heilen können) stellt die Weichen für die Zukunft.
Wie auch in der Ehe (25% zerbrechen auch hier), tauchen Fragen auf: Kann ich es ertragen, dass wir beide als erwachsene, voneinander unabhängige Menschen auseinander gehen? Kann ich meine Erwartungen an das, was du meiner Meinung nach tun oder sein solltest, gehen lassen? Und bleibt dann noch genug übrig für eine Beziehung von Liebe und Wertschätzung, die sich nicht über den anderen definiert? Die groß genug ist, um all das, zu dem der oder die andere geworden ist, nicht nur auszuhalten, sondern erstmalig aus einem Blickwinkel zu betrachten?
Von der Vergangenheit eingeholt

Jefferson Fisher, texanischer Strafrechts-Anwalt und der neue Superstar am Kommunikations-Himmel; ein Mann, der es auf die Top 100 Creators List des TIME Magazins schaffte, kommt in seinem Podcast mit dem Psychotherapeuten Barker „If your Child has cut you out of their lives“ (übersetzt: Wenn dein Kind dich aus seinem Leben ausgeschlossen hat) selbst ins Stolpern, wenn er über seine Mutter spricht.
Wie tief die Wunden sein müssen, sieht man in jedem seiner wirklich großartigen Ratschlag-Videos. Der junge Vater von zwei Kindern postet sie – bevorzugt aus dem Auto – als Blitzerkenntnisse zu Themen, die jeder aus seinem eigenen Leben kennt . Die Kommunikations-Erfahrung sammelt Fisher im Gerichtssaal bei schwierigen Verhören. Und für jeden verletzenden, herabsetzenden, beschämenden, ausweichenden Satz hat er eine gute Idee, wie man es besser formuliert – oder wie man auch klare Grenzen setzen kann.
Barker wiederum, junger Vater von drei kleinen Kindern, hat eine lange Liste all der elterlichen Vergehen angelegt, die zum Tod der Beziehung mit den Kindern führten. Wenn er sie vorträgt, erinnern sie irgendwie an die Auswüchse der Woke-Bewegung, Empathie und Mitgefühl für die vermeintlichen Opfer so vehement einzufordern, dass es sich irgendwann wie selbstgerechte Gewalt anfühlt.
Die inzwischen erwachsenen Kinder, so schildern die beiden Männer ihre Erfahrung mit Tausenden von Betroffenen, sind müde geworden, Dinge immer wieder erklären zu müssen. Ein Gespräch über das, was zum Bruch geführt hat, sei meist sinnlos, weil nichts anderes zu erwarten sei als das, „was dann immer kommt“. Insbesondere die Eltern seien dazu aufgerufen, den Schmerz ihrer Kinder nicht länger zu verleugnen, sondern mit ihnen zu betrauern. Auch den, von dem sie gar nichts wussten.
Was trendet?
In den 50er Jahren revolutionierte Alice Miller mit ihrem Buch „Du sollst nicht merken“ die verkorkste Nachkriegsbeziehung zwischen Eltern und Kindern, indem sie den Finger in die Wunde der Verleugnung jeglicher Konflikte legte. In den 60ern und 70ern wurde das Dogma der Gefühlsunterdrückung von der antiautoritären Erziehung in sein Gegenteil verkehrt. Sie hob alle Grenzen auf und überließ die Kinder weitgehend sich selbst in ihrem Selbstausdruck. In den 90ern löste demokratische Mitbestimmung diesen Ansatz ab, hin zu einer liebevollen, bedürfnis- und bindungsorientierten Erziehung. In den 2000ern wurde die gewaltfreie Erziehung endlich gesetzlich verankert. Die Beziehung auf Augenhöhe mit klaren Grenzen, die Förderung der Kinder und vor allem die Vereinbarung von Beruf und Familie wurden zum erstrebenswerten Familien-Ziel.
Dass nun, in den 20er Jahren des neuen Jahrtausends, das Ghosting von Eltern durch ihre Kinder trendet, oder umgekehrt das der Kinder durch ihre Eltern; dass sie sich gegenseitig innerlich für tot erklären, ist der vorläufige Höhepunkt einer Cancel Culture, die im Streit um die (Geschlechter-)Rollenverteilung jedes Maß verloren hat. Sie ist wie das Conglomerat aller Erziehungsstile des letzten und jetzigen Jahrhunderts, gone wild.
Brené Brown, vielfache Bestsellerautorin und eine der führenden US-Soziologinnen, fasst den Schmerz, in dem beide im Angesicht des Familientodes gefangen sind, in einem Podcast über das viel besprochene Loslassen zusammen: „Die Erklärung wird vielleicht niemals kommen. Wir werden unter Umständen lernen müssen, mit der Ungewissheit zu leben.“ Höchststrafe in der Höchststrafe für das menschliche Gehirn.
Niemand hat einen Anspruch darauf, zu erfahren, was eigentlich genau passiert ist. Aber jeder hat das Recht darauf, alles zu versuchen und auch seine eigene Seele so lange zu erforschen, bis es nichts mehr zu erforschen gibt. Denn es geht gefühlt um nicht weniger als Leben und Tod. Doch dann sagt Brown: „We don’t have to make their lack of closure our prison.“ Übersetzt: "Wir müssen den Mangel an Abschluss nicht zu unserem Gefängnis machen." Ein Schlüsselsatz.





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