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Ärzte-Marathon

GLUTEN: verstörender Domino-Effekt

Während der letzten 15 Jahre erzählte uns nahezu jede(r) von Glutenintoleranz Betroffene eine Variante der folgenden Geschichte. Immer: jahrelanger Ärzte-Marathon. Fast immer: Verweis in die Psycho-Ecke – "Kann es sein, dass Sie ein bisschen sensibel sind?" Häufig: Widerstand gegen klärende Tests. Selten bis nie: Richtiger Verdacht beim ersten Termin, selbst wenn man aus eigener Beobachtung wiederholt darauf hinweist, ob vielleicht Gluten das Problem sei.

"Man sollte niemals zum Arzt gehen, ohne dessen Lieblingsdiagnose zu kennen", sagte Henry Fielding bereits am Ende des 18. Jahrhunderts. Das gilt bis heute. PSYCHOSOMATISCH liegt ganz weit vorn, wenn ExpertInnen nicht weiter wissen. 

Und wenn sich schließlich am Ende herausstellt, dass all die 1000-fach beschriebenen Symptome einen Namen haben, nämlich ZÖLIAKIE, sind im Schnitt sieben Jahre vergangen.

7 Jahre Ewigkeit.

Der Zeitverlust ist deshalb so wichtig, weil eine aktive Zöliakie im Verborgenen massive Entzündungsprozesse in Gang setzt – umso mehr, je länger sie unentdeckt bleibt. Ausgehend vom Dünndarm, kann sie eine gefährliche Zerstörungskaskade auslösen. Diese wird jedes Mal erneut getriggert, wenn die oder der Betroffene winzigste Mengen Gluten-haltiger Produkte isst. Stecknadelkopf-Größe reicht aus.

Für Kinder und deren Entwicklung können diese Prozesse ungebremst eine Katastrophe bedeuten, weil die Erkrankung unter anderem auch in ihren Gehirnstoffwechsel eingreift.

Das Bedrückendste daran ist, dass das eigene Bauchgefühl einem eigentlich frühzeitig sagt, dass mit eben diesem Bauch irgendetwas nicht stimmt. Dich darin zu bestärken, diesem Gefühl mehr als allem Widerstand zu vertrauen,  soll Dich bestärken, weniger kostbare Zeit zu verschwenden.

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Die Uhr tickt unerbittlich.

Der Darm als unser wichtigstes Immunorgan ist Garant unseres Lebens. Eigentlich soll und kann er Zerstörung verhüten. Es sei denn, die Genetik funkt, wie bei Zöliakie, dazwischen. Ein gutes Drittel der Menschen trägt diese Gene in sich. Doch nur bei 1 (max. 2) Prozent, so glaubt man zumindest heute, werden sie aktiv. 

Dann breitet sich die Entzündung des Dünndarms in alle Gewebe und Strukturen aus. Diese Entzündung ist es auch, die  den regelgerechten Nährstofftransport und die Verteilung im Körper verhindert.

 

Das kann sich vielleicht durch Migräne zeigen, durch Sehstörungen und Übelkeit. Aber es endet dort nicht. Es setzt sich fort in Bauch- und/oder Blasenschmerzen und mündet vielleicht in massive Rückenbeschwerden.  

Die ständig schwelende Entzündung kann auch zu Osteoporose führen, weil durch den "Transportschaden" nicht genug Kalzium und Vitamin D für die Stabilität der Knochen zur Verfügung steht.

Oder es kommt schon bei Kindern zu rheumatischen Erkrankungen, die nicht selten im Gefolge von Zöliakie auftreten und noch weitere Entzündung verursachen. Ein Teufelskreis entsteht, und dies sind nur einige Beispiele von vielen.  

Image by Steve A Johnson
Kinder mit Zöliakie, Image: Janina Friebel Fotografie.jpg

Ein Bluttest auf Antikörper (tTG-IgA) zwecks Ausschlussdiagnose kann erste Hinweise liefern. Er ist vergleichsweise günstig. Solange du noch regelmäßig Gluten isst, gibt er angeblich zu 95-98% Sicherheit. Doch die kann falsch sein!
Gerade bei Kindern mit familiärer Vorgeschichte und/oder Symptomen bietet sich gleichzeitig ein (wenn auch teurer) Gentest an, um nicht 2 x Blut entnehmen zu müssen. In Skandinavien gehört der Test bereits zur Vorsorge-Routine. Das Investment von ca. 400 Euro könnte, wenn zusätzlich zu einem positiven Testergebnis Symptome auftauchen, gigantische Behandlungskosten in der Zukunft verhüten helfen. Von dem Leid, was Kinder erfahren – auf einen diagnostizierten kleinen Patienten rechnet man acht bis neun unerkannte – mal ganz abgesehen.

 

Heute weiß man, dass ca. fünfzig der meist verbreiteten Zivilisationskrankheiten mit Zöliakie vergesellschaftet sind. Autismus, Darmkrebs, Diabetes, Herzinfakt, Rheuma, Schlaganfall, um nur einige zu nennen.

Die sogenannte Haltungskrankheit mit ihren massenhaften Rücken- und Gelenkproblemen könnte ebenfalls eine von ihnen sein, weil sie nicht selten die Folge eines entzündeten Darms ist.

Sieht man die Wesensveränderung von Kindern mit ADHS oder ADS, ihre Hyperaktivität, die extreme Unruhe, die Schlafstörungen, wie sie einzeln oder im Paket auch durch Zöliakie entstehen können – wäre es da nicht sinnvoll, sie auf Glutenintoleranz zu checken, bevor man sie mit Ritalin oder ähnlichem in eine trügerische Ruhe zwingt?

Zeit ist Leben.

Dem Gedanken dieser Zusammenhänge steht der gleiche Mangel an Vorstellungskraft gegenüber, der bis heute die Folgen der Corona-Pandemie und/oder der Impfung nicht zur Kenntnis nehmen will. 

 

Corona hat bei vielen Zöliakie-Betroffenen wie ein Zündschnur auf bis dahin still schwelende Autoimmunprozesse gewirkt. Die Zöliakie selbst bekam jede Menge unerwünschter und unvorhergesehener Gesellschaft. Der Zeitverlust im Umgang mit dem Offensichtlichen während und nach der Pandemie hat unsere Sicht auch auf die langfristigen Folgen der unbehandelten Glutenintoleranz zumindest ein kleines nisschen verändert. So viel Leid entsteht allein dadurch, dass kleine und große Patienten oft über Jahre gegen die Wände "der Wissenschaft" laufen.

 

Hier wie dort ist der Domino-Effekt mehr als deutlich geworden, befeuert von Unwissenheit. Was die Zöliakie angeht, braucht sie über die herkömmliche Diät hinaus Konsequenzen, die als erstes dem geschädigten Darm auf die Sprünge helfen. Oder noch besser: den Schaden verhüten.

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