Krieg.

Die Sirenen fangen meistens an zu heulen, wenn ich gerade eingeschlafen bin. Sierra, unser kleiner Wüstenhund, fängt an zu bellen und hört sicherheitshalber auch nicht mehr auf. Die Kinder kriechen zu mir ins Bett. Wir haben ungefähr so viel Platz wie Ölsardinen in einer Dose. Aber: Wir sind GEMEINSAM Ölsardinen.
"Mama", sagt Emily heute Morgen ganz glücklich "Matteo hat die ganze Nacht meinen Arm gestreichelt und mir dauernd in die Hippe getreten." Glück hat viele Dimensionen. Die Hippe: An dieser Straßenkreuzung treffen sich die beiden Sprachen, mit denen sie groß werden. Hüfte. Und Hip, das englische Wort dafür. Es ist 5.45 und noch zu früh, um ihren Wortsalat aufzulösen. Die Hunde müssen raus.
Nach einer solchen Nacht – und diese Nächte wiederholen sich in immer kürzeren Abständen - sehen sie sich nervös um und übertreffen sich beide im Hochgeschwindigkeits-Pinkeln, als sei ihnen der Teufel auf den Fersen. Was immer ich mir im Kopf an Beruhigung zurecht lege: ihre geduckte Haltung widerlegt mich. Ebenso wie Poppys grau gewordenes Gesicht.
DAS PARADIES WURDE ABGESAGT.
Die Schulen sind geschlossen, seit der Flughafen von Riyadh, auf dem wir vor gut zwei Jahren hier ankamen, wiederholt angegriffen wurde. Und seit hier Menschen getötet wurden, sind Flüge bis auf Weiteres ausgesetzt. Es gibt kein Rein und auch kein Raus mehr. Dafür Home Schooling. Die Kiddies lernen, als wüssten sie, dass Kooperation im Moment ALLES ist.
Die Drohnen und ballistischen Missiles – was für Worte – werden meistens abgefangen. Wenn nicht, verletzen sie Menschen schwer, setzen Ölanlagen in Brand und brennen alle Pläne nieder, die die Menschen hier für sich gemacht haben.
Ich fahre dennoch die endlose Strecke in die Bäckerei, die nun doppelt so lang erscheint. In den Kliniken warten Menschen auf unsere glutenfreien Produkte. Nicht zur Arbeit zu erscheinen, nur weil Krieg ist und jede Nacht Raketenalarm, ist keine Option. Ich kann nicht vom Schreibtisch aus backen.
Auf dem Weg zurück nach Hause werden vertraute Straßen innerhalb von Minuten plötzlich geschlossen, Sperren hochgefahren, Umleitungen entschieden, die den Heimweg drei Stunden lang werden lassen.
Matteo lernt gerade Schwertkampf mit seinem Plastikschwert in der Karate-Klasse, damit er mich im Zweifelsfall gegen die 'bad guys' verteidigen kann. Sein Lehrer hat ihm entsprechende Unterstützung zugesagt. Emmy tanzt sich zusammen mit ihren Freundinnen die Seele aus dem Leib unter dem Sternenhimmel, solange das Donnern und Blitzen der Einschläge nicht die Oberhand gewinnt.
Ein neues Kapitel hat begonnen. Wir wissen nicht, wie es ausgeht. Das ist das einzige, was im Moment sicher ist.





Kommentare