
Backen in Zeiten des Krieges
KATINKA, MÄRZ 2026

Das Erstaunliche im Leben ist, dass man es nicht kommen sieht. Es geschieht einfach, komplett unbeeindruckt, während wir andere Pläne machen.
Es geschah vor 25 Jahren, ich war 19, an dem Tag, als ich am 11. September 2001 für meine Auswanderungspläne nach Dubai einen Bordcase kaufte. Die Verkäuferin versicherte mir, mit diesem dunkelblauen Modell sei ich auf der absolut sicheren Seite. Als ich nach Hause kam, um den neuen Koffer zu packen, war gerade das zweite Flugzeug ins World Trade Center eingeschlagen. Den ersten Einschlag hatten wir verpasst, weil wir uns wegen der Größe nicht entscheiden konnten.
So ähnlich ist es jetzt wieder. Der Januar begann damit, dass meine Eltern beide zeitgleich schwer krank wurden. So wie noch nie. Er setzte sich dergestalt fort, dass meine Kiddies und ich nicht nach Hause fliegen konnten, weil sie ebenfalls an allen Stellen gleichzeitig schwer krank wurden. Als wir endlich in Deutschland ankamen, um dort wichtige Papiere für sie zu beantragen; als wir sie endlich nach 10 Monaten voller Anträge aus dem Briefkasten fischen konnten, traten wir in die Sonne hinaus und es war Krieg.

ETWAS, DASS WIR NICHT KANNTEN.
Ich habe meine Abreise zigmal verschoben. Inzwischen ruft Lufthansa 1500 Euro pro Umbuchung auf. Für Flüge, die bereits teuer bezahlt sind. Ich muss wieder an den 11. September zurückdenken, als Hotelzimmer in New York auf einmal, von jetzt auf gleich, 800$ kosteten. Im Aufwind des Krieges kreisen die Hochgeschwindigkeits-Geier, komplett befreit von jeglichem Skrupel. Nicht nur an Tankstellen.
Ein Teil meiner Freunde flüchtet aus Riyadh. Ein anderer bleibt da, jetzt gerade! Meine Kinder vermissen ihre Kumpels. An jedem Tag muss ich sie neu eingrooven auf das, was als nächstes ist. Während ich selbst keine Ahnung habe, was dieses nächste eigentlich sein könnte. Es gibt kein "Richtiges" mehr. Richtig hat frei und wird gleichzeitig schwer umkämpft wie zu allerübelsten Corona-Zeiten. Als wüsste irgendwer, wie das Ganze ausgeht.
MAMA, IST DAS GEWITTER?
Die Straße von Hormuz ist geschlossen. Wir bekommen in Riyadh keine Rohstoffe mehr, weil die Schiffe es nicht ohne Lebensgefahr durch die Meerenge schaffen. Krieg, bisher nur ein Konzept aus den Erzählungen unserer Großeltern, parkt gerade vor unserer Haustür. Wir können dort also schon bald nicht mehr backen. Nachdem gerade der Handelsminister und der Gesundheitsminister in unserer Bäckerei waren und überglücklich über unsere Fortschritte gejubelt haben (siehe Foto.) Raketeneinschläge wechseln mit geräuschlosen Drohnen. Während wir gleichzeitig unsere Bäckerei in Quickborn Stück für Stück schließen, die Abrissbirne immer im Nacken.
Ich bin gespannt, was ich noch alles nicht hab kommen sehen…

